AEG Super 3074WD

- Wartung und Reparatur -

Der Super 3074 von AEG ist ein Gerät aus dem mittleren Leistungssegment mit folgenden Daten:

Schaltungsprinzip ........ Röhren-Superhet mit ZF 460 kHz/10,7 MHz
Hersteller......................... AEG Allg. Elektricitäts-Gesellschaft, Rundfunk: Frankfurt, Westendplatz
Herstelljahr ................. 1954/55 Seriennummer: 139030
Anzahl Kreise ................ 8 Kreis(e) AM 9 Kreis(e) FM
Wellenbereiche ............ Lang-, Mittel-, Kurzwelle und UKW
Ausstattung ................... KW-Lupe, eingebauter Dipol, Ferrit-Peilantenne, Bass-und Höhenregler, Anschlüsse für Zusatzlautsprecher, Plattenspieler und Tonbandgerät
Spannungsversorgung . Wechselstrom 110 - 125 - 150 - 220 - 240 Volt
Lautsprecher ................. 3 Lautsprecher (3D-Klang): 1 Hauptlautsprecher, 2 Hochton-Lautsprecher
Leistungsaufnahme .... 45 W
Abmessungen (BxHxT) . 620 x 415 x 280 mm
damaliger Preis ............ 369,-DM
Röhren .......................... ECC85 ECH81 EF89 EABC80 EM80 EL84
ähnliche Typen ............. 3074 WU (ohne Seitenlautsprecher), Musikschrank Univox, Telefunken Rondo 55TS

Gehäuse

Das äußere Erscheinungsbild ist - auch für den heutigen Geschmack - durchaus harmonisch und zweckmäßig zugleich. Im Gehäusebau war man wie die meisten Hersteller dieser Zeit bemüht, Technik in ein wohnliches Kleid zu hüllen und dem Stil des gutbürgerlichen Wohnzimmers anzugleichen. Dies steht ganz in der Tradition der auslaufenden 30er Jahre. Telefunken/AEG entwickelte in dieser Zeit hochbauende Gehäuse, in denen Lautsprecher und Wellenskala die ganze Gehäusebreite einnahmen und übereinander gestaffelt waren. Das Chassis wurde an die Frontseite angeschlagen und konnte komplett mit Lautsprecher ausgebaut werden, dDie Spannungsversorgung war noch separat am Gehäuseboden befestigt. Die Skala war oben angeordnet und konnte im Stehen optimal eingesehen werden(T875WK). In den Spitzenmodellen war die Wellenskala aber unten angeordnet (T963 "Condor") und die Lautsprecherwand oben. Dieses Design war das Vorbild für den Gehäusebau der 40er bis 60er Jahre. Das Chassis samt Netzteil war am Boden befestigt und die Lautsprecher separat am Gehäuse.

Nußbaumfarbene Beiztöne auf Hartholzfurnier (oft nur fladrig gemessertes Buchenfurnier) und helle Naturtöne (Ahorn, Birke) geben in den Einrichtungen der 50er den Ton an. Messingfarbene Abzente werden durch Zierleisten und Beschläge gesetzt. Diese Materialkombination finden wir an den Radiogehäusen dieser Zeit wieder. Cremefarbene Töne für die Vorhangstoffe harmonieren mit hell gehaltenen Schallwänden und elfenbeinfarbenen Kunststoffen für die Bedienungselemente des Radios. All das finden wir auch beim AEG 3074.

Frontansicht

Der Zustand der erhaltenen Gehäuse ist nach 65 Jahren sehr unterschiedlich. Das Gehäuse dieses Exemplars hatte Furnierschäden durch heftige Stöße und auf der Oberseite Rißbildung und zu großen Teilen samt Beizung abgeplatzte Beschichtung, Risse an der Mittelfuge des Furniers, einen Furnierriß an der unteren Rundung, aber insgesamt eine stabile Substanz ohne Wurmstichigkeit, Schimmelansatz und lose oder abgeplatzte Furnierteile.

Bei diesem noch guten Zustand sollte keine umfassende Überarbeitung des Gehäuses stattfinden. Die Behandlung entspricht der Aufarbeitung eines Möbelstücks der Zeit. Es wurden nur die Reste der Beschichtung an der Oberseite abgetragen und mit wenig Wasser so weit feingeschliffen, dass das Nussbaumfurnier beizbar wurde. Der Übergang an der oberen Rundung muß sorgfältig angeschliffen werden. Mit einem mehrmaligen Auftrag eines verdünnten Ansatzes von Nussbaum dunkel (Clou Flüssigbeize) über die gesamte Oberseite konnte ein angeglichener Farbton erzielt werden. Die durchgeschlagenen Furnierstellen wurden mit einem zusammengemischten Möbelwachskitt (Clou braun und schwarz) nahezu umsichtbar gemacht.

Nun kann ein klassischer Polituraufbau mit Schellack mittelbraun erfolgen. Es ist Wert auf eine völlig ebene und geschlossene Oberfläche zu legen. Dies kann erreicht werden durch Grundierung mit stark verdünntem Schellack, Porenfüllung mit Bimsstein, Ölzwischenschliff und einige Poliergänge, um die Schicht aufzubauen. Es sei nicht verschwiegen, daß diese Technik einiges an Erfahrung abverlangt, um zu einem überzeugenden Ergebnis zu gelangen. Alternativ könnte man auch an eine einfachere Beschichtung mit Einkomponenten-Versiegelung denken, allerdings ist diese nur noch durch Abschleifen revidierbar, während sich Schellack mit Alkohol leicht entfernen läßt. Als Masstab für den Glanzgrad konnten die im Lack noch gut erhaltenen Lisenen der Vorderseite dienen. Die Gehäuseseiten waren ebenfalls noch gut erhalten und wurden nur leicht nachpoliert.

Helle Stellen an den Gehäusekanten wurden mit schwarzer Beize und schwarzem Wachskitt unauffälliger gemacht. Der Riß im Furnier der unteren Rundung hatte seine Ursache in der Aufspreizung der geklebten Lamellen des Rohbaus, vermutlich durch Quellung nach Feuchteeintritt an der Unterseite oder Materialfehler. An dieser unauffälligen Stelle wurde nur nachgebessert (Beizung und Kittung des Risses).

Die Maßnahmen trugen zum Substanzerhalt bei und haben den authentischen Eindruck des 65 Jahre alten Gebrauchsmöbels erhalten.

Chassis

Frontansicht nach Revision

Die Gliederung des Chassis nach Baugruppen entspricht der Reihenfolge, wie sie im Blockschaltbild (Bild 1) wiedergegeben ist.

Zur Revision muss das Chassis ausgebaut werden. Dazu nur die 4 Chassis-Schrauben an der Unterseite und die Verschraubung der Abschirmplatte mit dem Massekabel lösen. Die Zuleitungen zu den Lautsprechern müssen abgelötet werden.


Lage der Lötpunkte für die Lautsprecherleitungen

Lötarbeiten stehen vor allen an der Chassisunterseite an. Beim Umlagern des Chassis auf die Rückseite schützen Zulagen aus Holz den Spannungsumschalter und die Bandfilter vor Schäden.

Unterseite des Chassis

An den Röhrenfassungen geht es eng zu. Dennoch dürfen beim Austausch von Teilen Lage, Länge der Zuleitungen und Massepunkte nicht geändert werden. Das Foto zeigt die korrekte Lage der Bauteile vor dem Teileaustausch. Vorsicht bei Arbeiten an den Kontakten des Tastenblocks. Diese brechen leicht. Bei der Fertigung wurden die Anschlüsse vor dem Löten durch die Lötösen geführt und umgebogen. Daher nicht an den Teilen ziehen, besser vorher abknipsen. Den Austausch Teil für Teil durchführen, damit sich keine Kontaktierungsfehler einschleichen.

1. Schaltungsdesign

Das Blockschaltbild für die UKW- und AM-Frequenzbänder zeigt Bild 1.
Bild 1. Quelle: Funkschau 3 /1955

Nach Markteinführung des Modells hat FUNKSCHAU (3/1955) die Schaltung detailliert besprochen. Hier eine Zusammenfassung daraus:

Um die Vorteile der Doppeltriode im UKW-Eingang voll auszuschöpfen wurde die Zwischenbasisschaltung eingeführt, die eine geringere Dämpfung des Eingangskreises und ein besseres Signal-/Rausch-Verhältnis bewirkt. Die geringe Schwingneigung wird durch den 3,8-pF-Kondensator von der Anzapfung der Anodenspule zur Kathode neutralisiert. Die Schaltung verwendet die damals neu herausgekommenen Röhrentypen ECC 85 für Eingang und Oszillator und EF 89 für die Zwischenfrequenz.

Zur UKW-Abstimmung kommt das bewährte 2-fach-Variometer mit Tauchkern zum Einsatz. Der Abstimmkern des UKW-Oszillators wird zusätzlich als variables Element der Kurzellenlupe genutzt. Der ZF-Verstärker arbeitet in FM wie üblich mit der ECH 81 als erstes und der EF 89 als zweites Verstärkerglied. Die Amplitudenregelung erfolgt über das RC-Glied 200 kOhm/50 pF im Gitterkreis der EF 89. Die Begrenzung erfolgt durch die Ankopplung der EF89 (Gitter 3) an den Ratiodetektor. Die PentodeEF 89 ermöglicht es, ein 4-fach-Bandfilter (AM) hinter der Mischröhre anzuordnen. Nach Bild 2 sind Kreise 1 und 2 sowie 3 und 4 induktiv gekoppelt. Abschaltbare Zusatzwindungen ergeben eine Bandbreitenregelung. Die Kreise 2 und 3 sind kapazitiv über 20 nF am Fußpunkt gekoppelt.


Bild 2. Quelle: Funkschau 3/1955

Für die Baß-und Höhenregelung werden Tiefen und Höhen im Gegenkopplungskanal stark angehoben. Durch die Tonblende am Gitter der Endröhre sowie durch die Hochpaßwirkung des 300pF-Kondensators am Baßregler werden diese Anhebungen bei Betätigung der Klangregler rückgängig gemacht. Die Gegenkopplung führt vom Ausgangsübertrager des Hauptlautsprechers zum Fußpunkt des Lautstärkereglers. Der 0,15μF Längskondensator hält die Tiefen zurück. Die Höhen werden durch 0,1μF nach Erde ausgeblendet. Die Tiefenanhebung entfällt im KW-Bereich, um akustische Rückkopplung auf den Oszillator-Drehko durch Baßschwingungen zu verhindern. Hierzu wird der 0,15 μF Tiefenanhebungskondensator durch Kontakt "d 4-5" kurzgeschlossen.


Bild 3. Quelle: Funkschau 3 /1955

Die Höhenausblendung durch 0,1 μF zeigt Bild 3. Die Höhenanhebung ist bei UKW, Schmalband und Tonabnehmerbetrieb abgeschaltet. In Schmalbandstellung ist dies selbstverständlich, bei UKW sind durch die Voranhebung im Sender zu viel Höhen vorhanden, bei TA soll das Nadelrauschen gedämpft werden. Beim AM-Empfang dagegen erfolgt die Höhenbeschneidung bereits im ZF-Teil, so daß im NF-Teil keine weitere Beschneidung eintreten darf. Die Bandbreitenregelung gibt dann die Möglichkeit, hohe Töne noch mehr zu unterdrücken.

2. Schaltplan

Originalschaltplan Version September 1954

Die Punkte a, b, c sind im Schaltplan undokumentiert, aber in der Abgleichtabelle wird ihre Nutzung näher beschrieben. a, b bezeichnen die Meßpunkte für die Spannung am Ratio-Elko. An b, c kann die Wechselspannung für das Steuergitter der Anzeigeröhre abgegriffen werden. Punkt c wird auch für den Abgleich des Ratiodetektors genutzt.

Tastensatz

Schalterstellung bei gedrückter UKW-Taste

Röhrenplan

Die eingetragenen Spannungswerte gelten für den 3074WD

3. Wartung

Fehlerbehebung

Nach langer Standzeit ist immer mit mechanischen Problemen und Kontaktproblemen zu rechnen. Bei diesem Gerät mußten folgende Fehler behoben werden:

  • Netzspannungsumschalter: Pertinax zu dünn, bricht beim Umschalten, Kontaktscheibe wackelt. Kontakte auf 240V festgelötet! Pertinax mit Acrylat stabilisiert.
  • Netzschalter: Kontaktkorrosion, mit Kontakt Tuner behoben. Die Tastaturkontakte waren bei diesem Gerät nur wenig korrodiert
  • Seillaufwelle (AM) verschlissene Führungen, Seil verknotet. Abhilfe durch Distanzscheibe zwischen hinterem Lager und Seilantriebsrolle
  • Peilstab-Antenne: Seilführung schwergängig. Profilscheibe an der Reibfläche mit Vaseline reibungsarm gemacht
  • Tastensatz: UKW-Schalter „n-8-7“ gebrochene Kontaktlasche nachgelötet
Austausch Verschleißteile

Schon bei der ersten Inaugenscheinnahme nach der Reinigung sind defekte Teile zu erkennen. Bei der EF89 zeigt ein milchiger Schleier den Verlust des Vakuums an. Wenn ein Glühbirnchen bereits versagt hat, sollten zwei neue für eine gleichmäßige Ausleuchtung sorgen. Diese "Kleinröhrenlampen" sind problemlos erhältlich.

  • EF89 ohne Vakuum (überhitzt?), Austausch gegen neuwertige Röhre mit Abschirmnetz
  • EM80 dunkel, völlig erschöpfte Leuchtschicht, ersetzt durch eine noch gute von Telefunken
  • Glühbirnchen 2 neue 7 V, 0,3 A eingesetzt
Papier-Kondensatoren ersetzen

Die eingebauten Roederstein-Kondensatoren (ERO) mit Teerverguß zeigen schlechte Iso-Werte, aber keine Kurzschlüsse, folgende wurden vorsorglich ausgetauscht:

  • C10 Stütz-Elko 2 μF ersetzt durch 4,7μF/350V
  • C29 5nF/120V- ersetzt durch .047μF/400V
  • C39 10 nF ersetzt durch 0,01 μF/1.5kV
  • C51 2 μF Ratio-Elko, ersetzt durch 2,2μF/63V-
  • C53 25 nF Koppel-C (ERO, wahrscheinlich Folie in Kunststoff-Verguß, geprüft, unauffällig) wegen Alterung ersetzt durch 0,022μF 1.5kV-
  • C57 Kathoden-Elko der Endröhre 50 μF/15V- ersetzt durch 50 μF/50V
  • C58 0,1 μF ersetzt durch 0,1 μF/1.5kV
  • C63 5 nF ersetzt durch 5 nF/1.5kV
  • C64 0,15μF /125V- ersetzt durch 0,15 μF/250V
  • C65 0,1μF /125V- ersetzt durch 0.1 μF/400V
  • C66 / C67: 50+50 μF trocken, abgeklemmt, neuen Becher-Elko mit 385 V- Spannungsfestigkeit auf der Unterseite an Montagewinkel eingebaut
  • C73 15 nF ersetzt durch 0,015 μF/1.5kV
  • C11 5 nF ersetzt durch 5 nF/1.5kV

C53 ist ein Koppelkondensator, für den werkseitig bereits eine bessere Qualität eingebaut wurde. Dieser Kondensator sollte erneuert werden, vor allem, wenn sich am Gitter der Endröhre bereits Gleichstrom messen läßt.

4. Erste Inbetriebnahme

Erstes Anschließen ans Netz mit einer 60 Watt-Vorschalt-Glühbirne zeigte einen normalen Strombedarf: nach einem kurzen Aufleuchten für die Lade-/Siebelkos und das Anheizen der Röhren ging die Helligkeit auf ein rötliches Glimmen zurück. Bei gedrückter TA-Taste reagierte die Endstufe auf einen Schraubenzieher am TA-Eingang mit Brummgeräuschen. Auf UKW umgeschaltet war ein Sender schwach hörbar, somit arbeiteten alle Stufen. Der Trafo blieb handwarm, der Gleichrichter zeigte keine Erwärmung. Alle weiteren Schritte wurden nun direkt am 230-Volt Netz durchgeführt.

EM80

Das magische Auge EM80 wird beheizt, bleibt aber dunkel. Die gemessenen Spannungen an der Anzeigeröhre lt. Abbildung deuten auf eine komplett erschöpfte Leuchtschicht hin. Die Steuerspannung und die im Toleranzbereich liegende Anodenspannung sollten eine normale Röhre zum Leuchten bringen. Ein testweiser Einsatz durch eine andere EM80 bestätigt dies.

Vergleichstypen: 6BR5, CV1352, evtl. auch EM81, 6DA5, 65ME. Die russische 6E1P hat andere Abmessungen und ist nicht problemlos hinter der Skalenscheibe einbaubar.

Achtung: Anzeigeröhren von Magnetisierungsquellen fernhalten, da sich sonst das Anzeigefeld verzerren kann. Ggf. mit Netzdrossel entmagnetisieren.

5. Abgleich

Ein Abgleich ist normalerweise nach Austausch der gelisteten Bauteile nicht notwendig. Sie sind alle nicht frequenzbestimmend. Sollte die Empfangsqualität zu wünschen übrig lassen oder die Sender nur schwer abzustimmen sein, helfen die Herstellerangaben in der Abgleichtabelle und zu den Abgleichpunkten weiter.

Von einem testweisen Verstellen von Trimmern und Kernen ist abzuraten. Schon die Mechanik bildet eine erste Hürde: durch den Wachsverguß sind die Kerne fixiert und das spröde Material bricht leicht. Für den erfolgreichen Abgleich ist ein tieferes Verständnis der Materie Voraussetzung. Einen Einstieg dazu bietet die ausführliche Seite Wumpus Welt der Radios.

Ein Abgleich kommt kaum ohne Meßgeräte aus. Für die vom Hersteller beschriebenen Abgleichroutinen wird zumindest ein Meßsender und ein Röhrenvoltmeter im Bereich μA mit Nullpunkt in Mittelstellung benötigt.
Zusammenbau

Beim Einbau der Skalenscheibe ist zu beachten, dass das Chassis gerade steht. Dazu eine Unterlage von ca 5 mm unter die trafoseitige Traverse legen, damit sich das Chassis nicht verzieht oder wackelt (Schraube!). Außerdem alle 4 Gummizulagen zum Schutz der Scheibe wiedereinbauen und beim Einsetzen den Skalenstrich für UKW nicht übersehen.

Wenn man die originale Gummimanschette weiter nutzt, paßt nur eine EM80 von Telefunken, Valvo o.a., aber keine dickere russische Röhre hinter die Scheibe. Auf beiden Seiten die Scheibe gleichmäßig andrücken, damit sie nicht unter Spannung steht und bei einem Stoß brechen kann.