AEG VE 301 W (1933)

- Aufarbeitung -

Schaltungsprinzip ........ 3-Röhren-Audion-Geradeausempfänger
Hersteller...................... AEG Berlin
Herstelljahr .................. 1933 (nach 7/33)
Fabrikationsnr. ............... L 22917 A
Anzahl Kreise ................ 1 Kreis AM
Wellenbereiche ............ LW 800 - 2000m, MW 200-600
Ausstattung ................... induktive Antennenanpassung, Gittergleichrichtung, Trafokopplung
Spannungsversorgung . Wechselstrom 110, 130 und 220 Volt, jew. +/-10%
Leistungsaufnahme ..... ca 18 Watt
Abmessungen Chassis (BxHxT) . 24,8 x 14,4 x 17,2 cm
damaliger Preis ................... 76,- RM
Röhren .......................... 4 V Heizung: REN 904, RES 164, RGN 564
ähnliche Typen ............. Batteriegerät VE 301 B und Gleichstromversion VE 301 G, jeweils in einem Holzgehäuse

Entwicklung des "Volksradios" ab 1928

In den Zwanziger Jahren, also vor fast 100 Jahren, begann die rasante Verbreitung des Rundfunks. Die ersten reglementierten Schritte des Rundfunkempfangs begannen mit der nach erfolgreicher Prüfung erteilten Audion-Versuchserlaubnis für einen eher exklusiven Hörerkreis, der sich ein mehrere Hundert Reichsmark teures Gerät und monatliche Gebühren von 2 RM leisten konnte. Gegen Ende des Jahrzehnts, angeschoben durch die Weltwirtschaftskrise, kamen verstärkt preisgünstige Angebote auf, die auf einen weit größeren Markt zielten und mit dem Begriff "Volksradio" in der Werbung auftauchten. Diese "Volksradios" oder "Volksempfangsgeräte" genannten Apparate wurden fast zeitgleich von mehreren Herstellern angeboten:

LOEWE-RADIO "Volksempfangsgeräte" Type O.E. 333 mit LOEWE-Dreifachröhre 3NF für Orts- und Röhre 2H 3N für Fernempfang über Lautsprecher von 1926/27 mit Preisen unter 40 RM.

PHILIPS Volksempfänger Bausatzgerät ohne Lautsprecher von 1928/29

SIGNALBAU HUTH Volksempfänger Modell E82 W von 1929/30 zu ca. 90 RM (2-Kreis-3-Röhren-Audion im Preßstoffgeh. ohne Lautspr.)

EMUD Erich Mästling aus Ulm produzierte bereits 1931/32 sein erstes Volksradio zu 64 RM und blieb dem Marktsegment des Billigradios bis zum Ende der Firma treu. Ab 1933 vermarktete EMUD ein Volksradio Typ L2W, das mit identischem Röhrensatz preislich mit 72 RM noch unter dem Preis des VE 301 lag, was zum Aufschwung der Firma führte.

NORA-Radio Berlin, Volksempfänger B3 von 1932 zu 39,60 RM (3-Röhren-Pultgeh. ohne Lautspr.)

WEGA Modell 6W 1931/32, ohne Lautsprecher zu 77 RM

Rundfunk als nationalsozialistisches Propagandainstrument

Wie kaum ein anderer technischer Gegenstand dieser Zeit steht der Volksempfänger in einem politischen Kontext. Unmittelbar nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 wurde die Bedeutung des Volksrundfunks erkannt und sofort zum Aufbau eines zentralen propagandistischen Machtinstruments genutzt.

Am 25.3. 1933, einen Tag nach Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, das die Gewaltenteilung aufhob und Adolf Hitler zum Führer berief, drohte der frisch ernannte Reichsminister für Volksbildung und Propaganda den einberufenen Leitern der Sendeanstalten "Säuberungen" und die "Gleichschaltung" des Rundfunks im Sinne der Partei an mit den Worten: „Wir machen gar keinen Hehl daraus: Der Rundfunk gehört uns, niemandem sonst. Den Rundfunk werden wir in den Dienst unserer Idee stellen, und keine andere Idee soll hier zu Worte kommen.“

Anfang 1933 gab es in ganz Deutschland etwas über vier Millionen registrierte Rundfunkhörer. In der populistischen Schrift "Der Rundfunk im Dienste der Volksführung" erläutert Parteigenosse Eugen Hadamowsky, seit 1933 Sendeleiter des damaligen Deutschlandsenders und Reichssendeleiter, wozu die im Sinne der Gleichschaltung neu gebildete Reichrundfunk-Kammer geschaffen wurde: "Zweck und Ziel der Reichsrundfunk-Kammer ist der willensmäßige Einsatz aller Funkschaffenden für den Aufbau und die Erhaltung des nationalsozialistischen Propagandainstrumentes" (1934, S. 15), und: "Es gibt für mich nur ein Ziel, die scharfe Waffe Rundfunk für meinen Führer scharf zu halten!" (Aus Funk 1934 H.2 S. l, zit. n. Hans M. Knoll).

Auf der IFA 1933 wurde der Empfänger als Entwicklung von Dr. G. Seibt ausgestellt und besetzte nun exklusiv den Begriff des Volksempfängers. Für den technischen Entwurf wurde Parteigenosse und Seibt-Chefingenieur Otto Grießing gewürdigt, das im Stil der Art Déco gehaltene Gehäusedesign stammt in den Grundzügen von Prof. Walter M. Kersting (Werkkunstschule Köln) aus dem Jahr 1932. Allerdings zeigen die Schaltbilder der Geräte, die bereits vor diesem Zeitpunkt als Angebot für den Billigmarkt existierten, dass der VE 301 keine Neuentwicklung gewesen sein kann.

Als Höhepunkt der 10. Großen Funkausstellung auf dem Berliner Messegelände der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt, verkaufte sich der Apparat in den Folgejahren in Millionenauflagen. Nur an Rückwand und Typschild ist erkennbar, von welchem der 28 lizenzberechtigten Hersteller der Gemeinschaftsempfänger stammt. Er ist heute trotz oder wegen dieser Vergangenheit eines der bekanntesten und gesuchtesten historischen Geräte.

Deckblatt Bedienungsanleitung VE301W

Abb. 1 Deckblatt der Bedienungsanleitung (Bildrechte: Deutsches Technikmuseum Berlin CC BY-NC-SA)

Befund

Im sogenannten unverbastelten Originalzustand seines wichtigsten Organs, dem Lautsprecher, sowie seiner aktiven Teile - drei Röhren - und dem Bakelitgehäuse beraubt, macht dieses ehemalige Propagandainstrument nach Jahrzehnten des Exils in zugig-feuchten Speicherräumen heute einen jämmerlichen Eindruck: Ein verrostetes Häufchen Elektroschrott, am Sammelblock datiert von der Konzerntochter Hydra mit 7.33, also ein Exemplar, dass als eines der ersten Geräte 1933 auf den Markt kam.
AEG Chassis VE301W
Abb. 2 Chassisoberseite im Fundzustand nach dem Abstauben. Die geschrumpfte Skalenscheibe hat keinen Eingriff.

AEG Chassisunterseite VE301W
Abb. 3 Chassisunterseite im Fundzustand


Der Block ist geplatzt, der gesamte Inhalt ist zu erneuern. Trafo, NF-Übertrager, Drehkondensator sowie die Käfigspule erwiesen sich als intakt. Der Flach-Drehko für die Rückkopplung ist "durchgedreht". Die etwas verformte Skalenscheibe aus Celluloid ist geschrumpft, so daß kein Eingriff in die Rillenscheibe des Antriebs mehr gegeben ist. Die Netzschnur ist anfangs fast hart, wird dann aber verdächtig flexibel - ein Zeichen für völlig verrottete Kunststoffisolierung unter dem Textil. Sie gehört nicht durch eine häßliche Bügeleisenschnur, sondern durch eine zweipolige braune Textilschnur ersetzt, die noch erhältlich ist. In diesem häufig anzutreffenden Zustand muß fast alles auseinandergenommen werden.

Bedienhinweise

3-Knopf-Bedienung: Links: Wellenschalter, Mitte: Abstimmung, Rechts: Rückkopplung. Ein-Aus-Schalter an der Rückseite, für Stellung "Ein" nach unten kippen. 7 Antennenbuchsen an der linken Seitenwand, unterteilt in lang (LW) und kurz (MW) sowie eine Erdbuchse. Keine weiteren Ein- und Ausgänge. Für die seitlichen Antennenbuchsen gab es Zusatzgeräte zum Aufstecken (Sperrkreise, Umschaltkontakt für Antennenanpassung). Wie bei einem Audion üblich, muß der gewünschte Sender über den Abstimmknopf und den rechten Regler für die Mitkopplung vorsichtig bis kurz vor den Schwingungseinsatz - einem Pfeifton mit störenden Oberwellen - gefunden werden, um optimalen Empfang und Lautstärke zu erreichen. Ein Lautstärkeregler wird dadurch überflüssig. Als überflüssig erachtete man wohl auch ein Glühlämpchen als Bereitschaftsanzeige, wohl auch, weil der Restbrumm diese Aufgabe hinreichend erfüllte. Mehr Details finden sich in der Original-Bedienungsanleitung von AEG.

Schaltung

Das Gitteraudion mit Rückkopplung war eine der wirkungsvollsten und zugleich einfachsten Empfangsschaltung der Zeit für einen Empfänger, der einen Bezirkssender und einen Fernsender (Deutschlandsender) in einem weiteren Wellenbereich empfangen sollte. Das Funktionsprinzip beruht auf Gleichrichtung, Verstärkung und trennscharfer Abstimmung mittels einer einzigen Röhre. Aus dem dreiteiligen Spulenturm wird das Antennensignal ähnlich wie beim Detektorempfänger induktiv auf den abstimmbaren Eingangskreis gekoppelt, auf den gleichphasig über eine dritte Spule Anodenwechselspannung kapazitiv rückgekoppelt wird, um ihn zu entdämpfen und die Empfindlichkeit entscheidend zu verbessern. Die HF/NF-Kopplung mit einem NF-Übertrager - in der Frühzeit des Radios in den 1920er Jahren die übliche Kopplungsmethode - führt zu einer weiteren, notwendigen Signalverstärkung, die den Einsatz einer zusätzlichen NF-Vorverstärkungsstufe erübrigt. Der sogenannte "Freischwinger", eine Lautsprecher-Konstruktion mit Dauermagnet und direkt auf die Kalotte wirkendem Anker einer hochohmigen Magnetspule von 2 KOhm, konnte direkt, ohne Ausgangsübertrager, an die Endröhre angepaßt werden.

Schaltplan

Der Schaltplan verdeutlicht das minimalistische Schaltungsdesign. In zwei unkritischen Punkten weichen die Angaben von den tatsächlich eingebauten Komponenten ab. Der mit 0,5 µF angegebene Stützkondensator am Schirmgitter der RES164 ist im Kondensatorblock mit tatsächlichen 0,1 µF enthalten. Der mit 3 KOhm angegebene Siebwiderstand ist zu niedrig, um eine Spannung von 210 V zu erzielen. Eingebaut war ein Widerstand von 5 KOhm.

VE301W schematics
Abb. 4 Schaltplan

Bestückung

Stückliste mit den erforderlichen Aufarbeitungen:

Die Komponenten machen im Allgemeinen nicht den Eindruck, als sei speziell für den VE in minderer Qualität gefertigt und bestückt worden, um den geringen Preis zu erzielen. Der Kondensatorblock ist wohl eine Spezialanfertigung. Insbesondere der Luft-Drehkondensator mit Keramikisolatoren, die keram. Röhrenfassungen und der solide Netzschalter sind Ausführungen, die in einer simplen Audionschaltung für lange Wellen in der Qualität nicht zwingend erforderlich sind. In den Folgejahren wurde mit der weiteren Verbilligung und zunehmenden Knappheit von Metallen die Verschlechterung sichtbar, besonders krass beim "Deutschen Kleinempfänger" DKE von 1942 mit Presspappe für Chassis und Lautsprecher.

Tr1 Netztrafo Bv. 8880 | gepr. ok.
Tr2 NF-Übertrager 1:4 | ca 500 Ohm/4.5 kOhm ok.
Si1 Sicherung 0,2 Amp. | gepr. ok.
Ln Käfigspule kompl. montiert | entstaubt, ok.
1 Skalenscheibe, Kunststoff, ohne Sendestationen, geschrumpft, wellig |
1 Rückkopplungsdrehkondensator 200 pF, Pertinax als Dielektrikum | defekt, repariert
1 Abstimmdrehkondensator 500 pF, hochw. keram. Isolation | gangbar gemacht, neu eingestellt
1 Kondensator 100 pF 250 V Folie | Wickel ersetzt (Styroflex)
1 Kondensator 150 pF 250 V | Wickel ersetzt (Styroflex)
1 Hydra Kondensatorblock 2, 4, 1, 0,5, 0,1 µF | alle Wickel getauscht, 450/100V
1 Anzapf-Widerstand (Entbrummer) 53/45 Ohm | defekt, durch Entbrummer 100 Ohm (Draht-Trimmer) ersetzt
1 Kondensator 60 pF 250 V | Wickel ersetzt (Styroflex)
1 Kondensator 5500 pF 250 V | ersetzt
2 Widerstände 2 MOhm 0,5 Watt | außer Toleranz, ersetzt
2 Widerstände 100 KOhm 0,5 Watt |
2 Widerstände 50 KOhm 0,5 Watt
1 Widerstand 3 KOhm 4 Watt | vorgefunden: Original 5 kOhm
1 Widerstand 700 Ohm
1 Netzschalter, 1 pol. | Knopf weggebrochen, Korrosion, repariert und gereinigt
3 hochw. Röhrenfassungen, keram. 5 pol. | ok.
1 Blechchassis | gerichtet, entrostet, verzinkt
1 Netzschnur mit 2 pol. Stecker (Textil, braun) | Isolierung brüchig, ausgewechselt
1 Wellenschalter, 2 Kontakte | gerichtet, gereinigt
1 Lautsprecher fehlt | durch Freischwinger ergänzt

Verdrahtungsplan

Die gesamte Verdrahtung ist unberührt und entspricht vollständig dem abgebildeten Verdrahtungsplan. Masseleitungen sind in 0,8 mm Kupfer ausgeführt. Der originale Drahtverlauf wurde beibehalten. Teilweise mußten Drahtlitzen mit hartgewordener Isolierung ersetzt werden.wiring diagram VE301W

Abb 5. Leitungsführung 301 W mit Spannungen sowie innere Verschaltung des Kondensatorblocks

Power Transformer VE301W

Abb. 6. Für den Netztrafo existiert eine Detailübersicht der Anschlüsse, Spannungen und Primärwicklungswiderstände.

Spulensatz / Wellenschalter

Der Spulensatz mit hochwertig ausgeführten Luftspulen in Kreuzwicklung wurde als Käfigspule auf gemeinsamem Spulenkörper entwickelt. Sie enthält übereinander angeordnet Antennenspulen, Kreisinduktivität und Mitkopplungsspulen für LW und MW. Die Spulen für die Schwingkreise befinden sich mit großem Abstand vom Chassis zentral auf dem Wickelkörper. Es folgen nach außen die beiden Wicklungen für die Mitkopplung. Und am oberen Ende ist die Antennenankopplung für die Langwelle, ganz unten für die Mittelwelle. Die beiden Resonanzspulen beim Empfang der Langwelle sind in Reihe geschaltet. Obwohl die Güte eher als gut zu bezeichnen ist, wirken die "Käfigstäbe" als Dämpfung. Diese verleihen der Anordnung allerdings eine gewisse Robustheit, so daß heute die originalen Käfigspulen meist noch hinreichend funktionieren. Es ist darauf zu achten, daß die Litzen oberhalb der Löt- und Klebestellen nicht angebrochen sind. Der Wellenschalter hat nur 2 Kontakte zur Kurzschließung der LW-Kreisspulen bei Mittelwellenempfang.

Coil details VE301W

Abb. 7


Die Spulenanschlüsse sind dem Schaltplan entsprechend durchnumeriert. Diese Nummerierung befindet sich auch auf dem Spulenkörper. Damit sollten keine Verdrahtungsfehler beim Ein-/Ausbau unterlaufen. Der Wicklungssinn darf nicht umgekehrt werden, andernfalls funktioniert die Mitkopplung nicht. Weitere Details

NF-Übertrager

Ein primär- oder sekundärseitig defekter NF-Übertrager führt zu einem Totalausfall des Geräts. Deshalb ist es ratsam, die beiden Wicklungen früh zu kontrollieren. Beim Wiedereinbau ist die Polarität der Anschlüsse zu beachten. Die Abbildung zeigt, an welchen Enden Wicklungsanfang und -ende liegen.

LF Transformer VE301W

Abb. 8 Daten zum NF-Trafo

Röhren

Die originale Röhrenerstausstattung wurde mit einem speziellen Aufdruck ausgeliefert, weil sie für den VE preisvergünstigt ausgegeben wurde: "für V.E. 301 Einzelverkauf unzulässig" und später: "Bestückungsröhre für Volksempfänger V.E. 301 Einzelverkauf unzulässig". Für ein Chassis ohne Röhren wären diese Röhren die "Idealbesetzung" für eine Ergänzung. Auf dem Chassis sind Zahlen für die Röhren eingeprägt:
Pos. (1) Die noch gut erhältliche HF-Allerweltsröhre REN904 bzw. A4110 (um 1930) war mit der Einführung der Schirmgitterröhren technisch bereits überholt. Ersatzweise:
Pos. (2) Die Endröhre RES 164 (L416, D5) war eine schwächere Endröhre für 3 Watt zur Direktansteuerung eines Freischwingers. Sie wird direkt geheizt, d.h. senkt die Leerlauf-Anodenspannung sehr schnell auf die Betriebsspannung. Obwohl sie bis zu 34 mA Anodenstrom ziehen kann, läuft sie in der Schaltung des 301W, abhängig von der eingestellten Schirmgitterspannung und der Gittervorspannung, nur mit ca 12 mA. In gutem Zustand ist sie heute teuer und selten. Diverse Ersatztypen sind getestet und beschrieben (4P1I, 3B4, 3B4WA, DL98). Eine Übersicht über Ersatztypen und Ersatzbeschaltungen geben u.a. GITTEL, 2009 und ROSCHY, 2011.
Pos. (3) Bei der Auswahl eines gebrauchten Einweggleichrichters RGN364 (G354) sollte darauf geachtet werden, daß die Röhre mindestens noch den von der Endröhre benötigten Betriebsstrom liefern kann. Daher kommen nur "gut" getestete Röhren mit IA von mindestens 15 mA in Frage. Selbst Gebrauchtröhren mit 25 mA Anodenstrom sind allerdings preislich immer noch günstiger als die Endröhre. Auch hier wäre eine Ersatzbeschaltung möglich: Siliziumdiode 1N4007 mit 1,8 kOhm/5 W Vorwiderstand.

Widerstände

Die schwachlastigen Widerstände der Marke "NeOhm" sind als steckbare Type (Standard vor 1930) ausgelegt, haben aber zusätzlich Drahtanschlüsse, so dass man annehmen kann, das Restbestände veralteter Technik zu lötbaren Komponenten umgearbeitet wurden. Die Hochohm-Exemplare sind außerhalb der Toleranz, ob sie belassen werden können, wurde bei der Inbetriebnahme entschieden.

Kondensatoren

Alle Arten von Kondensatoren machen bei diesem Chassis Probleme.

Kondensatorblock

Der Einheits-Sammelblock ist geplatzt und benötigt eine komplett neue Füllung. Den Teerverguss mit Heißluft so aufweichen, daß die Wickel gezogen werden können und dabei soweit möglich auf den Erhalt der Lackierung und der Aufschrift achten. Der 2µF Kondensator der Gleichrichterröhre hat kein direktes Massepotential, die beiden Null-Lötfahnen dürfen nicht miteinander verbunden werden. Die rechte Lötfahne ist für den 2µF Kondensator bestimmt (vgl. auch Verdrahtungsplan, Abb. 4).

Der Luft-Drehko ist schwergängig und hat eine rauhe Korrosionsschicht aufgrund langjähriger feucht-kalter Lagerung. Man kann alles an lose anhaftendem Oxyd abtragen und darauf achten, dass kein Plattenkontakt vorhanden ist. Die querlaufende Langschraube dient zur Einstellung des Luftspalts und macht die Drehbewegung gleichzeitig leichter/schwergängiger. Die Keramik-Isolatoren sind gut zugänglich und sorgfältig, ohne Öl zu reinigen.

Lösung für geschrumpfte Skalenscheiben

Für die Drehko-Untersetzung wurde der verbreitete Nutscheibenantrieb (Friktionstrieb) gewählt. Dieser funktioniert nicht mehr zuverlässig, wenn die Skalenscheibe abgenutzt und geschrumpft ist. Hier werden als Lösung schon mal rabiate Maßnahmen vorgeschlagen, wie das Niederdrücken des Chassisbleches oder die Hinterlegung einer zusätzlichen Skalenscheibe oder die Umstellung auf Skalenseilantrieb. Sofern vorhanden, kann man Federscheiben mit etwas größerem Radius einziehen.
Man kann die Welle auch höhenverstellbar machen, vor allem, wenn das Chassis schon aus anderen Gründen leergeräumt werden muß. Der optimale Eingriffspunkt für neuwertige und gealterte Scheiben kann dann exakt eingestellt werden. Beim vorliegenden Chassis war eine Höhersetzung der Achse um 3 mm notwendig, das Maximum für diese Lösung (vgl. Abb. 9) Bei noch kleineren Scheiben würde ich einen Ersatz empfehlen, da kaum mehr "Luft nach oben" gegeben ist.

Lösung für durchgedrehte Flachkondensatoren

Wenn die Achse gewaltsam über den Anschlag gedreht wird, löst sich die schwächliche Pertinax-Verbindung von Rotor und Achse und dann ist leider kein Einstellen der Rückkopplung mehr möglich. Bei besseren Qualitäten geschieht dies nicht. Bei dem Preis für den VE war diese mittlere Qualität gerade gut genug. Austausch und Reparatur sind denkbar, wiewohl letzteres etwas Geduld und ein solides Nervenkostüm voraussetzt.
Man geht beim Öffnen ähnlich vor, wie bei einem Potentiometer (siehe Potentiometer reparieren). Da ein Drehkondensator aber viele Teile hat, macht man am besten bei jedem Schritt ein Foto.
Hat man alles auseinander, kann man die Achse wieder auf den Rotor setzen. Die Verbindung wurde mit Acrylat geklebt und hält einiges aus. Beim Zusammenbau besonders auf die Alu-Distanzscheiben und Lötösen für den Stator achten und prüfen, ob man nicht versehentlich Stator- und Rotorplättchen zwischen 2 Isolierplatten gepackt hat! Bevor man festschraubt, mindestens mit Ohmmeter auf Kurzschluß testen. Besser noch die Kapazität prüfen, während man den Rotor durchdreht. In der Maximallage sind 220 pF vorhanden. Der Kondensator läßt sich leicht durchdrehen und hat deutlich spürbaren Widerstand am Anschlag. Bei sachgemäßer Benutzung sollte er durchhalten.

Auch die wenigen einzelnen Folienkondensatoren mit Kapazitäten von 60 bis 160 cm wurden vorsorglich mit neuen Füllungen versehen, was kein Problem ist, wenn man Styroflex-Typen verwendet. Die Drahtanschlüsse sollte man verstärken und dann das Hartpapier-Röhrchen neu mit ausreichend Teer bzw. Wachs füllen. Es ist dann kein Unterschied zum Originalzustand festzustellen.

Lautsprecher

Nach all den Jahren ist es nicht selten, dass der Hufeisenmagnet nachmagnetisiert werden muß. Es kann auch sein, dass er mechanisch soweit vorgespannt ist, dass die Schwingzunge am Polschuh anliegt. Im Idealfall sollte sich die Schwingzunge im Leerlauf ohne Signal genau in der Mitte zwischen den Polen befinden.

Montage

Die Montage der Komponenten nach kompletter Zerlegung des Chassis ist problemlos, wenn man beachtet, dass zuerst der Kombiblock und dann Spulenturm und Netztrafo auf dem Chassis montiert werden müssen. Die Messinglaschen an den Trafos vorsichtig biegen, sie können an den Schlitzen abscheren. Für die Rekonstruktion der originalen Verdrahtung kann historische Dokumentation zu Rate gezogen werden (vgl. Abb. 5) Chassisunterseite VE301W

Abb. 9 Chassisunterseite nach Aufarbeitung - Der Eindruck des AEG-Originals konnte weitgehend erhalten werden.

Chassisoberseite VE301W

Abb. 10 Chassisoberseite nach Entrostung und Zinkbeschichtung

Gehäuse

Das zugekaufte Gehäuse stammt von ISOPRESS GmbH, seit 1920 in Berlin, und enthält innen die Preßmarke "Taumalit".

Taumalit Pressmarke

Abb. 11 "Taumalit" Pressmarke von Isopress im Volksempfänger-Gehäuse (1933)

Die Firma stellte auch Eßgeschirr, Tabakdosen und andere Gebrauchsgegenstände sowie technische Formen (Lampensockel, Sperrkreisgehäuse, Skalen) aus diesem Pressstoff her. Das Gehäuse ist dunkelbraun/schwarz-marmoriert mit glänzender Oberfläche. Der Schleifstaub dieses Kunststoffs ist siena-braun. Der Freischwinger kann mit drei passenden M4-Schrauben direkt ins Gehäuse geschraubt werden. Da er die Skalenscheibe überragt, wird er am besten nach dem Chassis eingebaut. Die Bespannung muß direkt eingeklebt werden, da ein Rahmen nicht vorgesehen ist. Die beste Lösung dabei ist das Vorspannen des Stoffs auf einer Holzscheibe mit einer Folie als Zwischenlage. Nach dem Aushärten des Klebers kann die Scheibe abgenommen werden.

Gehäuse Rückansicht VE301W

Abb. 12 Rückansicht nach Zusammenbau - Zur authentischen Wiederherstellung des Originaleindrucks tragen die noch funktionierenden Röhren erheblich bei.

Inbetriebnahme

Die Inbetriebnahme erfolgt erst nach den folgenden Prüfschritten:

  • Netzstecker und -kabel prüfen, ggf. austauschen
  • Netztrafo Primärwicklung prüfen auf Durchgang, ohmscher Widerstand entsprechend Wert in Abb. 6 bei ca 120 Ohm
  • Netztrafo Primärwicklung auf 220V geklemmt
  • Netztrafo Sekundärwicklung für Anodenspannung prüfen auf Durchgang/Kurzschluß

Spannungs- und Stromwerte

Den Prüfling nun an den Ausgang eines Stell-Trenntrafos anschließen, einschalten und ab halber Netzspannung auf 220V hochfahren, dabei die Gesamtstromaufnahme beobachten. Zunächst sind die Leerlaufwechselspannungen für Heizung und Anoden zu überprüfen. Sie sollten bei ca 4,1V~ und ca. 335 V~ gegen Masse liegen. Anschließend prüft man mit der Gleichrichterröhre die Anodenspannung, die ohne die belastenden Röhren viel höher als die im Schaltplan angegebenen Betriebsspannung von 210 V- liegt. Bei der Anodenleerlaufspannung messen wir 450 V-. Dem entspricht auch die zulässige "Arbeitsspannung" der Sieb-/Ladekondensatoren im Sammelblock. Im Betrieb wird diese Spitzenspannung nur kurz erreicht, weil Ladeelko und die direkt geheizte Endröhre sofort die Anodenspannung belasten und einbrechen lassen. Die negative Gittervorspannung wird erst gemessen, wenn alle Röhren gesteckt sind.
Sind Heiz- und Anodenspannungen also vorhanden, mit den übrigen Röhren bestücken und nun messen, ob die Soll-Betriebspannungen erreicht bzw. eingehalten werden. In die Zuleitung zum Lautsprecher kann man ein Ampèremeter einschleifen, um die Stromaufnahme der Endröhre zu prüfen (vgl. Strom-Spannungsbild in HOLTSCHMIDT, D.).
Gemessene Spannungen nach Teileaustausch :

  • Anodenspannung vor Siebung 300 V
  • am 4µF-Ladekondens. 212 V (bei Siebwiderstand 5kOhm)
  • Anodenstrom Endröhre im Leerlauf: 7 mA
  • Anode RES164 193 V (Ua max beträgt bei dieser Röhre 200 V). Bei 230V Netzspannung sollte der Siebwiderstand soweit vergrößert werden, damit bei RES 164 Ua unter 200 V fällt.
  • Schirmgitterspannung 78 V (Sollspannung 75 Volt). Den aus der Toleranz gefallenen Vorwiderstand 100 K ersetzen, so daß ca. 75 Volt bei 230 V Netzspannung anliegen.
  • Negative Gittervorspannung -9,5 V
  • Anode REN904 60 V- ok.

Netzbrummen

Ohne Eingangssignal zeigte das Gerät ein deutliches Netzbrummen aus der Lautsprecherstufe. Der sich zunächst unauffällig zeigende Drahtwiderstand wies im ausgebauten Zustand statt 100 knapp 200 Ohm auf und war außerhalb der Symmetrie. Mit einem Miniatur-Drahttrimmer von 100 Ohm ließ sich bequem auf Symmetrie abgleichen und auf einen akzeptablen Restbrumm reduzieren. Die Erdbuchse sollte angeschlossen sein.

Audion

Am Lautsprecher kommen Knackgeräusche beim Einstecken von Antennen- und Erdstecker an und Summen beim Annähern an Spulenturm und Audionröhre. Die nicht metallisierte Audionröhre (A4110) ist zwar etwas handempfindlich, braucht im normalen Betrieb aber keine Abschirmung. Der Gitterkreiswiderstand liegt mit 3 MOhm außerhalb von Toleranz und Grenzwert (Rgmax 2 MOhm) und wurde ersetzt.

Meßsender mit einer Langwellenfrequenz AM-moduliert an die Antenne mit Abschwächung auf zunächst ca 5 mVss anschließen, Empfänger auf LW schalten, die Rückkopplung auf minimal stellen und Gerät durchstimmen. Der Modulationston sollte sich an einer Stelle der Skala einfinden und mit dem Abstimmknopf auf ein Lautstärkemaximum bringen lassen. Das Meßsendersignal nun weiter abschwächen, bis es fast nicht mehr hörbar ist. Das Empfangsminimum war bei diesem Gerät ohne Rückkopplungseinsatz schon bei 2-3 mV erreicht.

Rückkopplung: Schwingungseinsatz

Der reparierte Rückkopplungskondensator funktionierte immer noch nicht. Erst nachdem die Statorblättchen wieder sauberen Kontakt mit der Lötöse hatten, fing die Rückkopplung an zu arbeiten. Die Rückkopplung zieht auf LW zunächst weich an bis zu einem festen Punkt (Knacken im Lautsprecher), an dem die Schwingung massiv einsetzt und einen Wellensalat aus Pfeifen und Wimmern erzeugt. Am Punkt der optimalen Rückkopplung, kurz vor dem Schwingungseinsatz, erreicht man mit dem leichten Verstellen der Abstimmung dann den optimalen, unverzerrten Empfang. Die Empfindlichkeit verbessert sich bei optimal eingestellter Rückkopplung also dramatisch: Das leiseste noch hörbare Meßsendersignal (468 kHz) liegt ohne Rückkopplung bei 2-3 mVss, eingekoppelt über künstl. Antenne und Erde. Mit optimal eingestellter Rückkopplung war das Meßsignal bei einer Abschwächung auf 70 µVss noch leise zu hören. Außerdem stellt man beim Drehen an der Abstimmung fest, daß die Trennschärfe wesentlich schmaler geworden ist.

Weitempfang

Der Volksempfänger sollte neben dem Ortssender auch den Empfang des überregionalen Deutschlandsenders ermöglichen (was aber nicht von jedem Punkt aus gelang). Heute (2021) gibt es in Südwestdeutschland nur wenige Empfangsmöglichkeiten auf Langwelle. An erster Stelle ist hier RTL France zu nennen, das ein ganztägiges Programm für den Norden Frankreichs bietet und vom luxemburgischen Beidweiler aus sendet (auf 234 kHz mit 1,5 MW). Obwohl die LW-Antenne nach Frankreich ausgerichtet ist, erreicht der Sender Baden-Württemberg in guter Feldstärke (Luftstrecke ca 250 km). Das Audion ist für den Fernempfang an einer längeren Drahtantenne konzipiert und bietet über Spulenanzapfungen ausgeführte Anpassungen an. Testweise wurde eine Drahtantenne von 10 m Länge in 3 m Höhe aufgespannt und das Signal zu einem Drittel der Länge abgeleitet. Für diese Antenne war an der Buchse 5 auf LW der lauteste und klarste Empfang von Beidweiler tagsüber zu erzielen. Die Rückkopplung braucht dabei nicht ganz angezogen zu werden. Man kann sie als Lautstärkeregler nutzen. Hier ein kurzer Audioclip, um einen Eindruck von der Empfangsqualität zu bekommen:


Radio_RTL_France Empfang über VE 301 W

Links

AEG Berlin (1935): Technische Betriebsanleitung für den Volksempfänger VE 301, 4 S. (Bildrechte: Deutsches Technikmuseum Berlin CC BY-NC-SA)
SCHEIFFLER, E.Der Superheterodyne als Volksempfänger. Mitteilung über die Untersuchungen des Bastel-Labortoriums des "Funk"In: Funkbastler, H. 3 1929, S. 33
GITTEL, Joachim: Umsockeln von Röhren In: jogis-roehrenbude.de (2009)
GRUPE, Bernd: Die Käfigspule im Volksempfänger
HOLTSCHMIDT, Dieter: Volksempfänger - Geschichte und Technik der Gemeinschaftsgeräte
KNOLL, Hans H.: Der Volksempfänger VE301W, Mythos und Wirklichkeit In: Zeitschrift des Fördervereins des Rundfunkmuseums der Stadt Fürth, H. 50 2004, 10 S.
ROSCHY, Jacob: 3B4 (DL98, 3B4WA) als Ersatz der RES164
RUDOLPH, Dietmar: Audion: Schwingungs-Einsatz (2009)
STEINFÜHR, Rainer: Historie der Volksempfänger und sonstigen Gemeinschaftsempfängern STEYER, Martin: Die deutschen Gemeinschaftsempfängerin: Funkamateur 2/1997, S. 156-158

Literatur / Quellen

Hadamovski, Eugen: Der Rundfunk im Dienste der Volksführung
Leipzig, 1934