MENDE Super 195W

- Wartung -

Superhet zum Preis eines Geradeausempfängers: Einfach-Super für LMK mit 3 Kombiröhren

Schaltungsprinzip ........ Superheterodyne
Hersteller......................... Mende Radio H. Mende & Co. GmbH, Dresden
Modell/Herstelljahr/App.Nr. .... MS195W / 1939 / 19094
Anzahl Kreise ................ 6 Kreis(e) AM
Wellenbereiche ............ 50 ... 2000 m LW, MW, KW
Spannungsversorgung . Wechselstrom 110 - 125 - 150 - 220-240 Volt
Lautsprecher ................. 1 elektro-dynamisches System
Leistungsaufnahme .... ca 50 Watt
Gehäuseabmessungen (ca. BxHxT) . 540 x 295 x 260 cm
damaliger Preis ............ 195,- RM
Röhren .......................... AZ11, ECH11, EBF 11, ECL11
ähnliche Type ............. Allwellengerät: 195GW, Batteriegerät: 195B

1. Rundfunkjahr 1939/40

1923 Gründung der Radio H. Mende & Co GmbH durch Otto Hermann Mende und Rudolf Müller in Dresden. Martin Mende, Neffe von Hermann Mende, tritt 1925 als Verkaufsleiter in die Firma seines Onkels ein. Jahresproduktion: 2000 Geräte. 12 Jahre später hat sich die Firma zu einem großen player entwickelt und stellt im Jubiläumsjahr 1937 allein 200.000 Empfänger her, Gesamtproduktionsleistung bis zu diesem Jahr: 1 Million Stück. Etwa jeder dritte Empfänger aus dem mittleren Segment kommt 1938 aus dem Haus Mende. Etwa 2000 Empfänger wurden per Fließfertigung im Akkord täglich hergestellt. Der Empfänger 195W von 1940 ist einer der letzten Gerätetypen, die vor der völligen Vereinnahmung der Rundfunkindustrie für die Kriegswirtschaft gebaut wurden. Im selben Jahr starb auch der Firmengründer Hermann Mende. Im Stammwerk in Dresden nach Kriegsende komplett demontiert, stand die Firma unter Martin Mende mit dem heute bekannteren Namen "Nordmende" in Bremen wieder auf und wurde in den Fünfzigern und Sechzigern erneut zu einem führenden Hersteller mit hohen Stückzahlen in allen Segmenten (Flaggschiff: "Tannhäuser").

2. Befund

Das Gerät wurde in komplettem Zustand erworben, mit den üblichen am Chassis vorgenommenen Änderungen, um die Funktionsfähigkeit sicherzustellen (die Stahlröhren wurden durch Typen mit Glaskolben ersetzt, am Gleichrichter sind moderne Kondensatoren in schrillem Blau sichtbar verbaut. Das Gehäuse ist gut erhalten mit den üblichen leichten Gebrauchsspuren.

Abb. 1 - Ansicht vor der Aufarbeitung des Gehäuses

3. Bedienhinweise

Aus der Original-Bedienungsanleitung hier die wichigsten Hinweise:

Drei-Knopf-Bedienung

Front links: Kombinierter Ein-/Ausschalter, Schiebeschalter für Tonblende und Lautstärkeregler, Front rechts: Abstimmknopf, Seite rechts: Wellenschalter

Antenne

Das Gerät hat eine Lichtantenne, die heute aus Sicherheitsgründen jedoch immer inaktiv sein sollte und auch keinen Nutzen mehr hat. In der Zeit üblich waren noch Langdraht-Hochantennen, auf die der Antenneneingang optimiert ist. Weniger Störquellen werden von einer abstimmbaren Rahmenantenne empfangen (MW).

Feinsicherung

Die Leistungsaufnahme des Geräts beträgt ca 50 Watt und ist bei 220V mit einer Feinsicherung von 1 A abgesichert. Die Originalsicherung war noch intakt.

4. Gehäuse

Nussbaumfurniertes Holzgehäuse in horizontaler Aufteilung mit einteiligem Frontrahmen aus Bakelit. Auf Rahmen aus Nadelholz sind Boden und Deckel aus Tischlerplatte und Seiten aus 5 mm Birkensperrholz geklebt. Die gerundeten Vorderecken sind durch rückseitige Einschnitte ins Sperrholz geformt. Die Gehäusekanten sind stumpf aufeinandergestoßen. Die Flächen sind mit Nußbaumfladerfurnier (ca. 0,6 mm), die Vorderseite mit besserem streifigen Nußbaum veredelt. Die mit Alkohol lösliche Politur scheint aus abgetöntem dunklen Schellack zu bestehen. Je nach Zustand kann die Politur aufgearbeitet oder neu aufgebaut werden. Ein Neuaufbau empfiehlt sich nur dann, wenn flächig Abblätterungen vorhanden sind oder die Politur kaum mehr Haftung hat. In diesem Fall nimmt man den Rest an Politur leicht mit einer scharfen Ziehklinge ab. Es zeigt sich eine ungebeizte Oberfläche. Abschleifen sollte vermieden werden. An den gerundeten Vorderecken wurde werkseitig das Furnier bereits stellenweise durchschliffen und Schadstellen farblich retuschiert. Kantenabplatzungen lassen sich mit farblich und nach Maserbild passenden Nußbaumfurnierstückchen unauffällig reparieren. In vereinzelt vorhandenen Kürschnern (Furnierblasen ohne Bodenhaftung) Leim injizieren und flächig pressen. Ist jedoch zwischen Furnier und Rohbau auf der Fläche nur noch wenig Haftung gegeben, ist eine Neufurnierung kaum vermeidbar, vergleichbare Neuware liefert der Furnierhandel (deutscher Nußbaum, Fladerfurnier).

5. Überarbeitung des Chassis

Das Chassis, das Netzteil und der Lautsprecher mit Feldspule und Ausgangstrafo sind drei miteinander durch Drahtbrücken verbundene Baugruppen. Zur Reinigung und Aufarbeitung von Gehäuse und Chassis lassen sich diese leichter ausbauen, indem man diese Verbindungen auftrennt. Für Prüf- und Abgleicharbeiten braucht das Gerät nicht auseinandergenommen zu werden. Die Chassisunterseite ist zugänglich. Das erste Bandfilter kann von der Rückseite eingestellt werden. An das zweite Bandfilter kommt man seitlich am Chassis rechts. Für den Zusammenbau sind diese Drahtverbindungen dokumentiert: (vgl. Radiohistoria, V. Cingel, M. Laco, M. Endler, SR Abbildungen 1 - 4)
Eine Besonderheit dieses Gerätetyps ist die Verschraubung des Lautstärkepotis am Frontrahmen. Bemerkt man diese nicht, bricht die Verkröpfung am Frontrahmen beim Herausziehen ab. Für den fachgerechten Aus-/Einbau des Chassis fertigt man sich daher am besten ein Werkzeug zum Verschrauben der Sechskantschraube aus einem Stück Metallrohr selbst an.

Netzteil

Als erstes und vor weiteren Investionen in das Gerät sollte der Netztrafo - alle Primär- und Sekundärwicklungen - geprüft werden. Die Entstörkondensatoren sollten auf jeden Fall gewechselt und auch der Becherelko sollte erneuert werden. Nach Möglichkeit würde ich den großen Becher erhalten und neu befüllen. Am besten öffnet man die Bördelkante und entfernt den Schraubstutzen aus Bakelit, das Leeren ist jedoch mühsam, da die Kondensatorfolien recht dick sind und sich weder gut ziehen noch gut bohren lassen.

Skalenhintergrund

Dieser besteht aus formgepreßtem Hartpapier. Die kreidehaltige Weißgrundierung war zur Hälfte abgefallen, die andere ließ sich mit Ziehklinge spielend abschälen. Caparol liefert einen dauerelastischen Binder (wasserlösliche Acryldispersion), mit dem sich die Weißgrundierung mit Champagnerkreide in der geforderten Konsistenz anrühren läßt. Vermutlich ist ein fertiger Leinwand-Gesso für die Grundierung ebenfalls geeignet.

Chassisunterseite



Abb. 2 Originalzustand der Verdrahtung und Bestückung. Die Trimmer zeigen die alterstypische Schwärzung der Silberschicht. Ob diese Teile noch ihren Dienst tun, zeigt sich spätestens bei der Prüfung bzw. Einstellung von Vorkreis und Oszillator.

Die Vor- und Oszillatorkreise befinden sich in Abschirmkästchen an der Unterseite. Der Wellenschalter ist an einem Chassisdurchbruch sichtbar, die Schaltkontakte sind von oben jedoch nicht zugänglich. Zur Reinigung der Kontakte müssen die Blechabdeckungen an der Chassisunterseite abmontiert werden. Dabei kann man auch gleich die Verkürzungskondensatoren (C17-C19) im Oszillatorkreis nachmessen (vgl. Keramische Kondensatoren). Unter dem Blech des Vorkreises befindet sich C8 (50 nF), der ebenfalls vorsorglich gewechselt werden sollte.

Schaltung

Das abgestimmte Antennensignal gelangt über den nach Wellen schaltbaren Vorkreis direkt an das Heptoden-Gitter Hg1 der ECH11. Der Triodenteil dieser Kombiröhre ist als Meissner-Oszillator geschaltet und erzeugt mit dem abstimmbaren Anodenschwingkreis die Zwischenfrequenz. Die Gitter Tg1 und Hg3 sind intern verbunden, so daß die Zwischenfrequenz multiplikativ mit dem Antennensignal moduliert wird. Dieses modulierte Signal durchläuft die beiden Bandfilter vor und nach der Zwischenverstärker-Pentode der EBF11. Diese Kombiröhre enthält außerdem zwei Diodenstrecken. Die eine Diode wirkt als Gleichrichter auf die Hüllkurve und erzeugt mit den nachfolgenden RC-Gliedern um den Lautsprecherpoti das niederfrequente Nutzsignal, das dem Audio-Verstärker zugeführt wird. Die zweite Diodenstrecke erzeugt eine Regelspannung, die auf die Mischröhre einwirkt und die Verstärkung bei schwachem bzw. starkem Eingangssignal regelt. In der Werbung wird als besonderes Merkmal der zweifache Schwundausgleich herausgehoben. Bandbreitenregelung und Abstimmanzeige hat das preiswerte Grät nicht.

Schaltplan


Abb. 3 - Schaltplan des 195W mit Bauteilnummerierung und Röhrenplan (nach LANGE, H., NOWISCH, H.K., 1950: Empfänger-Schaltungen der Radioindustrie Band V. mit eig. Ergänzungen)

Stückliste passive Bauteile

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KondensatorenWiderstände/sonstiges
C1 2 nF/Mende Papierk. R1 200 Ohm, 0,25 W
C2 20 pF Scheibenkond., +/- 10% keram.R2 1,5 kOhm, 0,5 W
C3 keram. Trimmer HeschoR3 1 MOhm, 0,25 W
C4 180 pF keram. Trimmer HeschoR4 20 kOhm, 1 W
C5 180 pF keram. Trimmer HeschoR5 16 kOhm, +/- 5% 4W
C6 20 pF Scheibenkond., +/- 10% keram.R6 30 kOhm, 0,5 W
C7 220 pF/ NSF Papierk. +/- 10% R7 20 kOhm, 1 W
C8 50 nF/ NSF Papierk.R8 250 Ohm, 0,25 W
C9a/C9b 500/500 pF DrehkondensatorR9 1 MOhm, 0,25 W
C10 1 μF/200V-(300V Sp.) , KombiblockR10 1 MOhm, 0,25 W
C11 100* pF Holmkond., +/- 10% keram.R11 100 kOhm, 0,25 W
C12 50 pF Scheibenkond., +/- 10% keram.R12 400 kOhm, 0,25 W
C13 180 pF keram. Trimmer HeschoR13 100 Ohm, 0,25 W
C14 180 pF keram. Trimmer HeschoR14 100 kOhm, 0,25 W
C15 50 pF Scheibenkond., +/- 10% keram.R15 1 MOhm log., 0,5 W, Dralowid
C16 180 pF keram. Trimmer HeschoR16 50 Ohm, 0,25 W
C17 410 pF +/- 1% Glimmer HeschoR17 1,5 MOhm, 0,25 W
C18 645 pF +/- 1% Glimmer HeschoR18 200 kOhm, 0,25 W
C19 5 nF/500 V-R19 100 kOhm, 0,5 W
C20 222 pF/+/- 5% Glimmer HeschoR20 50 kOhm, 0,5 W
C21 222 pF/+/- 5% Glimmer HeschoR21 10 kOhm, 0,25 W
C22 50 nF/NSF Papierk.R22 500 kOhm, 0,25 W
C23 50 pF Scheibenkond., +/- 10% keram.R23 200 kOhm, 0,25 W
C24 222 pF/+/- 5% Glimmer HeschoR24 500 Ohm, 0,25 W
C25 100 pF Holmkond., +/- 10% keram./R25 25 kOhm, 0,25 W
C26 222 pF/+/- 5% Glimmer HeschoR26 100 Ohm 1 W
C27 10 nF/R27 20 kOhm, 5% 4 W
C28 0,5 μF/ 25 V- KombiblockBf 1 Bandfilter kHz
C29 50 nF/630V- NSF Papierk.Bf 2 Bandfilter kHz
C30 5 nF/Mende Papierk.Tr 1 Netztransformator
C31 0,5 μF/300 V- KombiblockTr 2 Ausgangstransformator
C32 0,5 μF/20 V- KombiblockSi 1 Feinsicherung 1 A
C33 16 nF/500V- Electrica Papierk.
C34 50 nF/500V- Frako
C35 500 pF/Mende Papierk.
C36 0,5 μF/20V- Kombiblock
C37 0,1 μF/10V- Kombiblock
C38a/b 8 μF/650V Becherelko
C39 10 nF/1,5 kV/Y
C40 10 nF/1,5 kV/Y
[C41 300 pF/1.5 kV]

Nach: Mende, 195W Ersatzteile; fettgedruckt: Austauschkandidaten, *eingebaut sind original 1000 pF, [ ] ersatzlos ausbauen

Röhrenplan

ECH11 (ab 1938) Hexode im Regelbetrieb mit fester Schirmgitterspannung 75VDC über die Vorwiderstände R4, R5 (zusammen 35 K) und Anodenspannung 250V betrieben. EBF11 Regelhexode mit fester Schirmgitterspannung 75 Volt. Steilheit regelbar über negative Gittervorspannung g1. Eingesteckt ist eine ECH11G, Glaskolbenversion aus dem TFK Röhrenwerk Ulm, eine Röhre, die ab 1947 erhältlich war und als Ersatzbestückung für eine schwache Stahlkolbenröhre aus Berliner Vorkriegsfertigung vorgesehen ist. Auch die ursprüngliche Stahlkolbenversion der EFB11 ist durch eine EBF11 G ersetzt worden. Es wurden wieder neuwertige Stahlkolbenversionen eingesetzt.

Spulensatz und Filter


Bandfilter

Die beiden einfach gearbeiteten Bandfilter auf der Chassisoberseite sind mit je zwei Schrauben befestigt. Leicht zu übersehen: die beiden seitlichen Führungslaschen am Abschirmgehäuse erst nach außen drücken, dann kann der Spulenträger leicht aus dem Blech gezogen werden. Die Filter haben die Besonderheit, dass Primär- und Sekundärkreis nebeneinander in eigenen Spulenkörpern angeordnet sind. Die 4 Kondensatoren in Keramikfassung von Hescho (C20, C21 und C24, C26) sind bekannt für ihre hohe Ausfallrate nach 60 Jahren. C20, 21 im ersten Bandfilter lagen auch prompt weitab ihrer Toleranzangabe mit einer Restkapazität von nur noch max. 70%, ein Komplettaustausch also unausweichlich. Die Ursache für den Abbau der Kapazität zeigt sich beim Auseinanderbauen: die auf die Glimmerscheibe aufgebrachte Silberschicht ist löchrig und zersetzt. Diese Hescho-Kondensatoren sind also eigentlich Glimmerkondensatoren auf einer keramischen Grundplatte. Eingebaut werden können Glimmerkondensatoren oder ausgemessene keramische Kondensatoren der Klasse 1 oder Styroflexkondensatoren mit max. 5% Toleranz und ausreichender Spannungsfestigkeit (600V)auf jeweils der einen Filterseite unter Anodenspannung (C20 und C26). Im Bandfilter II lagen die Kapazitätswerte knapp unter der Toleranzgrenze. Leider funktionierte das Bandfilter nach Ergänzung der fehlenden Kapazität nicht, so dass auch hier neue, ausgemessene Keramikkondensatoren eingebaut werden mußten.

Vor- und Oszillatorkreis

Die Abschirmkappen lassen sich nach Lösen der kleinen Sechskantmuttern leicht abheben. Im Vorkreis befindet sich für jeden Wellenbereich jeweils 1 Trimmkondensator und ein Spulenkern (die Anordnung ist in Abb. 9 wiedergegeben), für die LW/MW-Spulen ein Mehrfachtrimmer. Die analoge Anordnung im Oszillatorkreis wird ergänzt durch drei für den Gleichlauf verantwortliche Verkürzungskondensatoren C17 - C19. Der Rollkondensator C19 hatte 30% Kapazitätsverlust und wurde durch einen neuen, ausgemessenen Kondensator ersetzt.

Vorsicht beim Messen und Austauschen vor allem bei diesem Kondensator: Die kaum haardicken Spulenanschlüsse können leicht übersehen werden und reissen auch leicht ab. Für den Eingriff gutes Licht besorgen und mit Lupe und Pinzette Lage der Zuleitungen sondieren!
C17 und C18 sind Präzisionskondensatoren mit nur 1% Toleranz von Hescho, auch hier handelt es sich nicht um ein keramisches Dielektrikum, sondern um Glimmer. Das Nachmessen ergab ein Kapazitätsverlust um die 20 pF > 1%. Die harzartige Vergußmasse hatte feinste Haarrisse, aber ausreichend, um den Kondensator unbrauchbar zu machen. Als Ersatz kommen die unter Bandfilter aufgeführten Typen in Frage, beim Oszillator sind aber geringere Anforderungen an die Spannungsfestigkeit zu stellen, wohl aber an den Temperaturkoeffizienten.

Achtung: Durch den Austausch dieser frequenzbestimmenden Bauteile muß ein kompletter Abgleich vorgenommen werden. Die Geräte wurden in verschiedenen Frequenzen ausgeliefert: 468 normal, 473 Westdeutschland, 482 kHz Ostmark. Am Blech des 2. Bandfilters ist die ZF aufgestempelt. Bei diesem Gerät ist sie auf 473 kHz eingestellt, also für die damaligen Empfangsverhältnisse in Westdeutschland.



Abb. 4 Oszillator im Originalzustand

Kondensatoren

Papierkondensatoren

Bei diesem Gerät werden Roll-Kondensatoren von Electrica, ERO, Frako, NSF und Mende-Eigenprodukte verwendet. Es handelt sich um Folienwickel mit getränktem Papier als Isolationsschicht. Die Wickel sind in ein dünnes Pappröllchen mit Bördelrand eingewachst (NSF), die Bauteile sehen äußerlich noch scheinbar gut aus. An einem Ende aufgeschnitten läßt sich der Kondensatorwickel meist gut gegen eine moderne Ausführung austauschen, insbesondere bei den kleineren Kapazitätswerten. Vor allem die Kondensatoren, an denen Schirmgitter- oder Anodenspannung anliegt, sollten schon vor Inbetriebnahme unbedingt ersetzt werden. Der Mende-Typ ist in ein ovales Glasröhrchen eingekittet. Nachdem die helle Kittmasse geschmolzen ist, läßt sich der Wickel gut herausziehen. Das dünne Glasröhrchen ist sehr bruchempfindlich. Da diese werkseigenen Kondensatoren den Eindruck der Unterseite des Chassis prägen, sollten sie nicht einfach durch beliebige Typen mit radialen Anschlüssen ersetzt werden.


Abb. 5 Zwei 50 nF Wickel aus eingewachsten Papier-/Alufolien von NSF. Der rechte erfüllt die Isolieranforderungen nicht mehr, der linke Kondensator ist geplatzt und bildete nur noch einen Widerstand zwischen Anode und Masse. Der äußeren Papphülse ist davon nichts anzusehen.



Abb. 6 NSF-Kondensator mit ausgetauschtem Wickel. Links ist die Schnittkante an der Papprolle (kaum) erkennbar.

Drehkondensator

Altes Fett entfernen, Rotor und Antrieb auf störungs- und spielfreien Durchlauf kontrollieren. Mit Ohmmeter und Lampe kontrollieren, dass keine Fremdkörper oder Kurzschlüsse zwischen den Plattenpaketen sind. Sind Kurzschlüsse vorhanden, würden sich diese später im Betrieb in lauten Krachgeräuschen immer an denselben Stellen der Skala äußern. Gegebenenfalls müssen einzelne Platten ganz sachte zur Seite gedrückt werden.

Kondensatorblock "FRAKO":


Der Block beträgt die Bezeichnung 539. Die innere Verschaltung der sechs Einzelkondensatoren ist dem Schaltplan zu entnehmen. Die unterschiedlichen Spannungsangaben beachten. Der Block läßt sich zum Neubefüllen gut ausbauen, indem man die lötbaren Verbindungen auftrennt und die verschweißten belässt.

Widerstände

Lautstärkepotentiometer Dralowid mit Schiebeschalter (Tonblende) und Netzschalter (1-pol., 250 V, 2A). Regelmäßig sind die Kombipotentiometer nach langen Standzeiten nicht mehr funktionsfähig. Typische Fehler sind:

  • Mittelabgriff liefert keinen Wert (Problem Verschleiß Schleiferkontakt)
  • Schiebeschalter schaltet nicht ein bzw. aus (Tonblende funktioniert nicht, Kontakte verstellt bzw. korrodiert)
  • Gerät läßt sich nicht einschalten (Schalterkontakt korrodiert, hoher Übergangswiderstand bis zu mehreren kOhm).

Diese Fehler lassen sich beheben, siehe Anleitung

6. Inbetriebnahme



Abb. 7 Frontansicht des neu polierten Gehäuses - Fehlstellen am Blendrahmen wurden unauffällig retuschiert.

Abb. 8 Rückseite des Gehäuses mit dem nun wieder originalbestückten Chassis.



Abb. 9 Chassisunterseite nach der Revision. Alle überarbeiteten Lötstellen erhielten eine Farbmarkierung. Die alukaschierte Abschirmplatte ist noch an den Massedraht anzulöten.

Bevor man an das erste Einschalten geht, ist der Zusammenbau zu kontrollieren und durchzumessen. Eine neue Netzzuleitung mit Textilummantelung ist erforderlich, da die Isolierungen der alten hart und brüchig geworden sind und bei Bewegungen brechen. Der originale zweipolige Netzstecker passt meistens an ein Trenntrafo; ggf. muss eine alte Steckdose ohne Schutzkontakt zwischengeschaltet werden.
Ein paar Dinge sollten geprüft werden, um ungute "Überraschungen" zu vermeiden:

  • Netzschalter intakt (Bei Übergangswiderstand können sich die Kontakte erhitzen, Gerät schaltet nicht ein)?
  • Sicherung vorhanden und mit korrektem Wert?
  • Wählschalter der Trafo-Primärwicklung steht auf 220 bzw. 230 (240) Volt?
  • Trafo-Primärwicklung hat Durchgang, aber keinen Kurzschluß (Ohmscher Widerstand ca 20 - 40 Ohm)?
  • Keine lose herumhängenden Drähte an der Anodenspannungsversorgung?
  • Entstör-Kondensatoren an den Anodenwicklungen bereits jetzt austauschen (vgl. Abschnitt Chassis)
  • Wellenschalter auf T.A., Lautstärke auf mittel

Mit Regeltrafo oder notfalls Vorschaltlampe beginnen, das gesamte Radio in Betrieb zu nehmen. Beim Einschalten leuchtet die Lampe erst etwas heller und geht dann in ein konstantes Glimmen über. Ist das nicht der Fall, Stecker sofort ziehen. Fehlerhafte Skalenbeleuchtung fällt spätestens jetzt auf.
Das Aufbauen der Anodenspannung kann seitlich an Pin 4, die Schirmgitterspannung am besten am Kondensatorblock (blaue Zuleitung) gemessen werden.
Nach einiger Zeit sollte der Lautsprecher mindestens leicht summen. Brummt er laut und tief und auch bei eingedrehter Lautstärke, ist die Siebkette nicht in Ordnung. Anodenspannungen deutlich unter 240 Volt deuten auf eine schwache Gleichrichterröhre.
Mit der Einstellung TA beginnen und Brummtest am Tonabnehmereingang machen, Lautstärke und Tonblende hell/dunkel testen. Lineout eines batteriegetriebenen MP3-Players an die Phonobuchsen (nicht mit Lautsprecherbuchse verwechseln) legen und Musik bzw. Sprache abspielen. Die EBL11 steuert den Lautsprecher kraftvoll an, die Tonblende dunkel blendet für den heutigen Geschmack zuviel an Höhen aus. Der logarithmische Einstellweg des Lautstärkereglers bewirkt erst in der zweiten Hälfte des Drehwegs eine Lautstärkeänderung. Nach Reinigung und Justierung arbeitet er jedoch korrekt und ohne Krachgeräusche.
Wenn die Nf-Verstärkung zum Schwingen neigt, sind der Gittereingang der Vorverstärkung und die Rückkopplungswege zwischen Vor- und Endröhre zu untersuchen. Eine lautstärkeabhängige Gegenkopplungsschleife von der Sekundärwicklung des AT über ein Filter aus C36 und R25 auf den Eingang der Vorstufe (negative feedback loop) soll gute Werte für den Klirrfaktor des Dreipols sicherstellen. Die Rückführung der Gegenkopplungsspannung an den Fußpunkt des Lautstärkereglers führt dazu, dass bei schwachem Eingangssignal und aufgedrehtem Lautstärkeregler eine nur geringe Gegenkopplung wirkt und die Verstärkung des Dreipols voll ausgenutzt werden kann. Für höhere Frequenzen bildet die kapazitive Rückkopplung über C35 zusammen mit dem Schwingschutz R21 im Endverstärker eine Gegenkopplung. Durch den Kopplungspunkt am Lautsprecher wird eine 180°-Phasenlage erreicht. Durch Bauteilfehler kann diese so verschoben werden, so daß eine Mitkopplung und damit ein Überschwingen des Verstärkers eintritt.
Wenn bis hierhin alles in Ordnung war, mit dem Test des Empfangsteils eine Rahmenantenne oder 5 m Draht in die Antennenbuchse anstecken, auf Kurzwelle schalten und durchstimmen: Wird tagsüber mindestens ein Sender mit Antenne laut empfangen? Ist dies der Fall, ist der Hochfrequenzteil mit Vorkreis, Oszillator und ZF grundsätzlich in Ordnung. Mit Abgleichmaßnahmen können Empfindlichkeit, Trennschärfe, korrekte Lage der empfangenen Sender und Tonqualität noch optimiert werden. Bei diesem Gerät wurde auf MW und LW nichts empfangen. In diesem Fall untersuchen, ob der Oszillator auf diesen Wellen überhaupt schwingt und wenn ja, auf welcher Frequenz (er sollte 673 kHz oberhalb der empfangenen Frequenz schwingen). Die korrekte Mischung kann man an der Eingangsseite des ersten Bandfilters nachprüfen.

7. Abgleich

Bei diesem Gerät reicht der Abgleich auf Maximum aus, da keine Bandbreitenregelung eingebaut ist.
Zur Vorbereitung den Klangwähler auf "hell" stellen. Die Kerne sind bei diesem Gerät nicht festgelegt und gut drehbar, auch die Trimmer lassen sich drehen, haben aber allesamt schwarz korrodierte Silberflächen an den Rotoren.
Statt einem historischen Abgleichbebesteck kann ein Werkzeug selbst angefertigt werden aus einem Stück Hartholzrundstab 8 mm (Buche oder Bambus), an dem die "Klinge" exakt passend auszuarbeiten ist. Metallische Schraubendreher sind ungeeignet.
Verwendet wird ein Grundig Messender AS-2 für die ZF-Frequenz. Das Gerät liefert nach einer Einlaufzeit von 20 min. die AM-ZF mit ausreichender Stabilität (Frequenzdrift unter 10 Hz) und kann auch mit 1 kHz AM-moduliert werden, um den Träger hörbar zu machen. Ein Grundig-Röhrenvoltmeter RV-3 im Wechselspannungsbereich für den Ausgangspegel, ein Frequenzmesser 10 MHz Eigenbau für die Messung der Oszillatorfrequenzen (Genauigkeit im Bereich 1 MHz weit unter 1 Prozent), ein HAMEG 412 Oszilloskop zur Überwachung der Kurvenform von Hüllkurve und NF-Signal (Arbeitspunkt).
Die folgende einfache Anleitung für den Standardabgleich stammt von Mende und ist in der nachfolgend beschriebenen Reihenfolge auszuführen. Wertvolle Hinweise zu auftretenden Abgleichproblemen bietet die Seite Wumpus Welt der alten Radios
ZF-Abgleich 473 kHz
Messsendersignal auf 473 kHz über Antennenbuchse zuführen, Radio abstimmen auf 200 m
2. Bandfilterkerne Punkte 4, 3, dann 1. Bandfilter 1, 2, jeweils auf Maximum.
Dann Leitkreis-Spule auf Minimum einstellen.
Oszillator-Abgleich
Kurzwelle
Zeiger auf 15,0 MHz (20 m) Punkt 5 (Trimmer) auf Maximum
Zeiger auf 6,0 MHz (50 m) Punkt 6 (Spulenkern) auf Maximum
Mittelwelle
Zeiger auf 1330 kHz (225 m) Punkt 7 (Trimmer) auf Maximum
Zeiger auf 546 kHz (530 m) Punkt 8 (Spulenkern) auf Maximum
Langwelle
Zeiger auf 232 kHz (1300 m) Punkt 9 (Trimmer) auf Maximum
Zeiger auf 160 kHz (1800 m) Punkt 10 (Spulenkern) auf Maximum
Vorkreis-Abgleich
Mess-Sender an Antennenbuchse
Kurzwelle
Zeiger auf 15,0 MHz (20 m) Punkt 11
Zeiger auf 6,0 MHz (50 m) Punkt 12
Mittelwelle
Zeiger auf 1330 kHz (225 m) Punkt 13
Zeiger auf 546 kHz (530 m) Punkt 14
Langwelle
Zeiger auf 232 kHz (1300 m) Punkt 15
Zeiger auf 160 kHz (1800 m) Punkt 16
ZF-Sperrkreis
Messendersignal auf 473 kHz, Spule 17 auf Minimum


Abb. 9 Lage der Abgleichelemente


Links zu anderen Projekten zum Mende 195W:
Radiohistoria (tchechisch)

Mende MS216WDK

Reparatur Mende MS195-W

Mende, Dresden Industriefilm
R. Groschopp/W. Conz: "Vom glühenden Funken zum klingenden Funk" 21 Min. SW-Stummfilm, 1939)